Interview mit dem Amt für regionale Landesentwicklung Leine-Weser

Halbzeit des Förderprogramms: Interview mit dem Amt für regionale Landesentwicklung Leine-Weser

Regionalmanagement der ZukDie Zukunftsregion Hannover-Hildesheim steht für einen neuen Ansatz der Regionalentwicklung: Mehr Zusammenarbeit, mehr Eigenverantwortung und den Anspruch, wirklich etwas zu verändern. Was ist aus Ihrer Sicht als Amt für Regionale Landesentwicklung wirklich neu?

Ottmar von Holtz ist Landesbeauftragter für regionale Landesentwicklung Leine-Weser mit Sitz in Hildesheim und Geschäftsstellen in Sulingen und Hannover.

Ottmar von Holtz: Es gibt einige Aspekte bei den Zukunftsregionen, die sind gar nicht unbedingt neu. Das Ziel der Verbesserung von interkommunaler Zusammenarbeit haben wir auch in den LEADER-Regionen. LEADER-Regionen und auch Dorfregionen im Dorfentwicklungsprogramm sind interkommunal, aber eher kleinräumig angelegt. Neu an den Zukunftsregionen ist die Definition der Räume. Die Zukunftsregion Hannover-Hildesheim verbindet zwei urbane Zentren mit zwei eher ländlich geprägten Teilregionen und bildet damit einen deutlich größeren Kooperationsraum. Mit Blick auf die nächste EU-Förderperiode ist es wichtig, dass wir für solche großräumigen Kooperationen gut aufgestellt sind.

Natalie Schmidt: Neu ist sicherlich der Ansatz, Schwerpunktthemen zu wählen und daraus bedarfsgerechte Projekte zu entwickeln, die den virtuellen Budgets der Zukunftsregionen mit Mitteln aus dem Multifonds EFRE und ESF+ finanziert werden.

Ist die enge administrative Einbindung der kommunalen Verwaltungen auch neu oder ist das in dem LEADER- und ELER-Programm auch vorgesehen?

Ottmar von Holtz: In den anderen Programmen sind eben-falls Hauptverwaltungsbeamte der Kommunen in die Entscheidungsprozesse eingebunden. Neu in den Zukunftsregionen ist die Zusammensetzung der Gremien. Hier sitzen vielfältige Akteure am Tisch, wie zum Beispiel die Wirtschaftsförderung und Sozial- und Kulturpartner. Auch das Amt für regionale Landesentwicklung Leine-Weser nimmt in diesem Konzept eine deutlich stärkere Rolle ein.

Das Amt für regionale Landesentwicklung Leine-Weser betreut vier Zukunftsregionen. Neben unserer Region Zukunftsregion Hannover-Hildesheim sind das auch die Zukunftsregion Mitte Niedersachsen, die Zukunftsregion Südniedersachsen und die Zukunftsregion Weserberglandplus. Welche Rolle spielt Ihr Amt dabei? Sehen Sie sich eher als Ermöglicher oder auch als Korrektiv, wenn es mal nicht so rund läuft?

Natalie Schmidt leitet die Bereiche Regionale Landesentwicklung und Öffentlichkeitsarbeit im Amt für regionale Landesentwicklung Leine-Weser

Natalie Schmidt: Wir haben die Einführung des Förderinstruments von Beginn an intensiv begleitet. Sowohl anfänglich beim Zusammenfinden der einzelnen Regionen, beim Erstellen der Zukunftskonzepte als auch in der Heranführung und Zusammenarbeit mit den Regionalmanagements, die erst später im Prozess eingestellt wurden. Natürlich ist das eine Vermittlerfunktion zwischen den ganz vielen unterschiedlichen Interessenlagen in den Zukunftsregionen, den Regionalmanagements, dem zuständigen Ministerium oder der zuständigen Verwaltungsbehörde. Bei einer Neueinführung gibt es verständlicherweise an der einen oder anderen Stelle Schwierigkeiten. Voraussetzungen oder Rahmenbedingungen müssen angepasst werden. Wir verstehen uns eher als Sparring-Partner für die Regionen, ein Stück weit auch als Coach.

Der Kern des Programms ist neben der Projektförderung auch die Verbesserung der interkommunalen Zusammenarbeit. In Gremien und Austauschformaten wurde deutlich, dass die kommunalen Herangehensweisen durchaus unterschiedlich sind. Wie produktiv ist diese Vielfalt und wann wird sie möglicherweise zur Bremse?

Ottmar von Holtz: Seitdem ich Landesbeauftragter bin, ist mein Eindruck, dass aus dem Raum Hannover-Hildesheim Ideen und Projektanträge mit guter Substanz hervorgehen. In den geführten Gesprächen zur Zwischenbilanz der Zukunftsregionen wurde deutlich, dass der interkommunale Ansatz als wirklich sehr gut empfunden wird. Tatsächlich musste sich die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Akteure vor Ort einspielen. Man merkt, dass das LEADER-Programm eingespielter ist, weil es eben schon länger praktiziert wird. Inzwischen kennen sich aber die Beteiligten in der Zukunftsregion, können ihre Rollen einschätzen und arbeiten deutlich routinierter zusammen. Damit ist eine gute Grundlage für die nächste Phase geschaffen. Natürlich gibt es immer disruptive Ereignisse, die auf die interkommunale Zusammenarbeit einwirken, aber in Hannover-Hildesheim sind wir gut miteinander im Gespräch.

Möglicherweise waren wir alle mit uns selber zu streng. Die Erwartungshaltung war ja gerade zu Beginn sehr hoch.

Natalie Schmidt: Herr von Holtz hat einen wichtigen Punkt genannt: Ich glaube, dass zuerst ein Verständnis erreicht werden musste, dass interkommunales Zusammenarbeiten nicht mehr nur Kür ist, sondern dass gemeinsames Denken und Handeln eine elementare Pflicht und wesentlicher Bestandteil dieses Programms darstellen. Ein gemeinsames Programm funktioniert nicht, wenn Budgets lediglich auf die Partner aufgeteilt werden. Es hat einen Moment gedauert, das zu erkennen. Es ist nun deutlich zu erkennen, dass die Zukunftsregionen ihre Haltung ändern und zusammen denken. Inzwischen rücken die gemeinsamen Mehrwerte stärker in den Fokus. Und das ist wichtig: Denn in der neuen Förderperiode wird diese Notwendigkeit zur Kooperation voraussichtlich noch höher sein.

Ottmar von Holtz: Es entwickelt sich von der Pflicht zur Zusammenarbeit hin zu einer gemeinsamen Strategie. Man sieht die Entwicklung in der Steuerungsgruppe wirklich gut, wo es in den ersten Sitzungen vielleicht vermehrt um die Vertretung der eigenen Interessen gegangen ist, aber nun ein kooperativer Ansatz gepflegt wird. Die kommunalen Vertretungen, die Wirtschaftsförderungen vor Ort oder die Kammern erkennen, dass man aufgrund der Sachlage viel weiter kommt und besser aufgestellt ist, wenn zusammen gearbeitet wird. Und damit ist man als Zukunftsregion sehr gut vorbereitet, die voraussichtlich reduzierten Fördermittel in Zukunft in die Regionen holen zu können.

Die Zukunftsregion Hannover-Hildesheim hat sich die zwei Handlungsfelder „Regionale Innovationsfähigkeit“ und „Kultur und Freizeit“ ausgesucht. Wie bewerten Sie diesen Ansatz aus Landessicht?

Ottmar von Holtz: Ich bin in der Mitte der Programmlaufzeit eingestiegen, so dass ich über die Anfänge wenig sagen kann. Ich glaube, dass gerade die Gemeinsamkeiten von Hannover und Hildesheim, wie zum Beispiel, dass beide sich um die Kulturhauptstadt beworben haben, für die Kombination der Handlungsfelder eine gute Voraussetzung mitbringen. Beide Städte haben gute Bewerbungen abgegeben, hinter denen sehr breite Beteiligungsprozesse standen. Wenn man an die Einrichtungen in Hannover und Hildesheim denkt, vom Kulturcampus in Hildesheim angefangen bis zur Hochschule für Musik und Theater in Hannover, die Staatsoper, das kommunale Theater, die Museen, die Festivals und die freie Szene betrachtet, dann ist in dieser Zukunftsregion so viel Kultur und Kreativwirtschaft vorhanden, dass eine Verzahnung von Kultur, Freizeit und regionaler Innovation auf der Hand liegt. Beide Handlungsfelder ergänzen sich – insbesondere bei der Fachkräftesicherung. Wir werden große Herausforderungen in den nächsten Jahrzehnten haben, Fachkräfte an die Region zu binden. Da braucht es auch Kultur und Freizeit. Wir brauchen junge Menschen, die Innovationen entwickeln und die Region aktiv mitgestalten. Und insofern ist das eine gute Mischung, die wir in dieser Zukunftsregion hingekriegt haben. Aber die Verbindung beider Handlungsfelder bleibt dennoch anspruchsvoll. Da sollte ein bisschen Erwartungsmanagement betrieben werden. Doch wenn man zum Beispiel an Aktivitäten im Bereich der Künstlichen Intelligenz an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim und auch in der Kreativwirtschaft denkt, dann sind das sehr geeignete Ansatzpunkte, um in Zukunft pass genaue Förderanträge für Projekte zu bekommen. Wir sollten bereits entwickelte Projekte und bestehende Anträge nicht vernachlässigen, die diese Verzahnung vielleicht so noch nicht zum Thema machen. Wir sollten weiterhin daran arbeiten, dieses Ziel auch zu erreichen, aber nicht alle Anträge jetzt ausschließlich daran messen.

Gibt es bereits jetzt Entwicklungen, die Sie als besonders gelungen bewerten?

Natalie Schmidt: Herr von Holtz hat die Hochschulen erwähnt, die als verbindendes Element auf diesen kulturellen Bereich einzahlen. Hildesheim und Hannover verfügen über starke Hochschulstandorte, die wichtige Impulse für die Region setzen. Besonders gelungen ist aus meiner Sicht die Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen den leistungsfähigen Verwaltungen der Region und Landeshauptstadt Hannover sowie den Partnern aus Stadt und Landkreis Hildesheim. Und da war vorteilhaft, das Thema Kreativwirtschaft sowohl über die Hochschulstandorte als auch über das Thema Kultur zu verbinden. Die Schritte der Zusammenführung aus den Kulturhauptstadtbewerbungen und der Start-up-Szene können in diesem Programm weitergeführt werden.

Ottmar von Holtz: Als Beispiel möchte ich die Projektidee mit den Bibliotheken in Richtung Open Library aus einer der letzten Steuerungsgruppensitzungen nennen. Hier zeigt sich ganz deutlich, dass geplant ist, über beide Teilregionen hinaus zu denken, voneinander zu profitieren und Aktivitäten wirklich kooperativ zu gestalten.

Natalie Schmidt: Ein Schlüssel kann sicherlich die Zusammenführung von Kreativwirtschaft und Start-up-Förderung sein. Und vielleicht kann das Regionalmanagement diesen Ansatz zum Ausklang der Förderperiode auch noch intensiver betrachten, wo es nicht mehr so stark mit dem Druck beschäftigt ist, Fördermittel zu binden. Die Aufgabe sollte dann sein, Kooperationen zu verstärken und zu schauen, was an Vernetzungsarbeit geleistet werden kann, um gut gestärkt in eine Fortführung gehen zu können.

Woran wird sich aus Ihrer Sicht der Erfolg der Zukunftsregion messen lassen?

Natalie Schmidt: Der Erfolg der Zukunftsregion wird je nach Perspektive unterschiedlich bewertet. Aus Landesperspektive ist natürlich die Mittelbindung letztendlich ein Erfolgsparameter, der deutlich macht, dass mit dieser Richtlinie die Mittel gewinnbringend eingebracht wurden. Für die Regionalmanagements geht es darum, dass Projekte erfolgreich mitentwickelt, unterstützt und beantragt wurden. Die Menschen in den Regionen werden den Erfolg sehen, wenn die Projekte eine sichtbare Wirkung erzielt haben. Und in den Steuerungsgruppen, mit den Hauptverwaltungsbeamten und den Wirtschafts- und Sozialpartnern, schaut man, welche Ziele aus dem Zukunftskonzept erreicht wurden und ob die Budgets sinnvoll eingesetzt wurden. Hier auf Arbeitsebene im Amt für Regionale Landesentwicklung Leine-Weser teilen wir diese Perspektiven. Unser zusätzlicher Erfolgsparameter ist, dass die Regionalmanagements das Programm gut umsetzen, da wir sehr viel in deren Begleitung investiert haben. Je mehr erfolgreiche Projekte es gibt, desto mehr klatsche ich in die Hände und freue mich, dass diese intensive Begleitung und Betreuung Früchte getragen hat.

Ottmar von Holtz: Man darf nicht vergessen, dass wir in ganz vielen Förderprogrammen, Richtlinien oder Maßnahmen als Amt für regionale Landesentwicklung mit kommunalen Kritikpunkten konfrontiert sind: Zu unübersichtlich, schwierige Antragsstellungen, sehr bürokratisch und kompliziert. Überall da, wo es Regionalmanagements oder Projektmanagements gibt, ist es immer ein Gewinn. Man muss es hoch bewerten, dass diese Förderrichtlinie auch die Förderung von Regionalmanagements beinhaltet. Das Management unterstützt die Antragstellenden aus allen Bereichen der Region.

Natalie Schmidt: Ein vor allen Dingen landesseitiger Erfolg ist für uns natürlich eine mögliche Fortführung und Weiterentwicklung dieses territorialen Pilot-Instruments trotz eventueller Widrigkeiten in der kommenden EU-Förderung.

Welche Erwartungen hat das Amt für regionale Landesentwicklung an die Umsetzung für die nächsten zwei Jahre und für die Perspektiven einer möglichen Neuauflage?

Ottmar von Holtz: Gut ist schon mal, dass wir als Amt in den Prozess eingebunden sind und dass wir gemeinsam mit dem Regionalmanagement Erkenntnisse an politische Entscheidungsträger weitergeben können. Wir haben ein gutes Instrument, das sich am Anfang einspielen musste, jetzt aber einen Zustand erreicht hat, wo wir nachhaltige Strukturen schaffen können. Meine Erwartung und Hoffnung ist, dass wir mit Ablauf dieser Förderperiode gute Nachweise durch Projekte und durch der Zusammenarbeit vorzeigen können. Nicht nur in unserer Region, sondern in ganz Niedersachsen. Durch aktive Zukunftsregionen machen wir deutlich, dass sehr wirkungsvolle Strukturen entstanden sind, mit denen wir die Landesregierung für eine Weiterführung überzeugen können.

Also ein Stück weit auch ein Auftrag an die Regionalmanagements: Setzt jetzt euren Schwerpunkt auch auf Öffentlichkeitsarbeit, auf Darstellung der Ergebnisse und sendet positive Impulse in den politischen Raum?

Ottmar von Holtz: Ja, richtig. Öffentliche Förderung ist kein Selbstzweck, sondern muss eine Wirkung entfalten und muss sichtbar sein. Es geht darum, den Steuerzahlenden zu zeigen, welchen Nutzen die eingesetzten Mittel stiften. Es geht um Öffentlichkeitsarbeit im Sinne der Rechenschaft und Legitimation.

Wenn Sie in fünf Jahren zurückblicken: Woran erkennen Sie, dass die Zukunftsregion mehr als ein Förderprogramm ist?

Ottmar von Holtz: Mehr als ein Förderprogramm sind Zukunftsregionen dann, wenn die entstandenen Kooperationen auch über die Förderung hinaus Bestand haben und sich aus Projekten langfristige Strukturen interkommunaler Zusammenarbeit entwickelt haben. Erfolgreich wäre die Zukunftsregion dann, wenn ihre Strukturen unverzichtbar geworden sind. Wenn nachhaltige Strukturen entstanden sind, die man weiterhin fördert, um sie noch zu vertiefen.

Ganz herzlichen Dank für dieses Interview.

Das Interview (gekürzt und redaktionell bearbeitet) führte Hannes Piening.

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